Paläontologie - Problematika III

Lepidocoleus aus USA: Lösung für das Rätsel

aus dem Moselschiefer und für Gabavermis?

 

Zwei Exemplare Lepidocoleus sp., Unter-Devon, Haragan-Formation, Black Cat Mountain, Clarita/Oklahoma, USA. Oben: Länge 4 cm, unten 2,5 cm. Präparation und Foto: Dr. Gianpaolo Di Silvestro.

Nachdem ich diese beiden Exemplare gesehen und erworben hatte, die ja aus dem Unter-Devon stammen, fiel mir das Problematikum von Claus Friis ein (siehe Seite "Palaeontologie - Problematika"). Auch sein Stück stammt aus dem Unter-Devon, Moselschiefer. Lepidocolea sind Machaeridia, eine "sister taxa" der Polychaeten.

Das problematische Stück von Claus Friis, 5 cm lang. Präparation und Foto: Claus Friis.

Ich bin der Meinung, dass die amerikanischen Exemplare diesem Fossil hier nicht unähnlich sind. Im Hunsrück- bzw. Moselschiefer ist die Erhaltung auch von Weichteilen bekannt. Hier könnten noch Reste dieses Borstenwurms erhalten sein, der die Annulation nicht ganz, aber weitgehend verdeckt. Sind denn Machaeridia aus dem deutschen devonischen Schiefer bekannt? Siehe unten.

Das Bild zeigt ein pyritisiertes Exemplar aus dem Hunsrück-Schiefer, eine Abbildung aus der Arbeit von Anette E. S. Högström et al. aus dem Jahre 2008 ("Proceedings of the Royal Society"): Lepidocoleus hohensteini, Länge 5,4 cm, ventrale Lage.

Es ist nur eine Idee: Mir kam auch Gabavermis annulatus (TROPPENZ 2013) in den Sinn, der durch seine Annulierung aufgefallen war. Er ist etwa 5 cm lang und stammt aus dem Geschiebe von Nordschleswig/Jerpstedt. Zeit: unterstes Kambrium, Hardeberga-Sandstein. Er wurde zuerst in "Geschiebekunde aktuell"  (Ga) der 80er Jahre als mögliches "Skolithos-Tier" interpretiert, weil er senkrecht in einer Röhre steckte, die von Skolithos stammte. Einige Interpreten hielten ihn für eine "Stopffüllung", also ein Nachsickern bzw. temporären Sedimenteintrag in eine Röhre. Auch ein Überbleibsel von Diplocraterion wurde erörtert. In Ga  vom November 2013 (siehe "Paläontologie - Fachartikel") wurde dann die Beschreibung als Körperfossil veröffentlicht. Maßgeblich daran beteiligt war der tschechische Wissenschaftler Dr. Zedenek Gába mit der einzigen Expertise zum Original-Fossil. Deshalb erhielt der aufsehenerregende Wurm dessen Namen. (Vgl. auch Troppenz: "Wohin die Spuren führen", Band 1, Unterkapitel "Tauziehen um Gabavermis".

Gabavermis annulatus (Foto: Regina Troppenz)

 

"Stopffüllung" in einer Diplocraterion-Röhre (rechts, norddeutsches Geschiebe) im Vergleich mit Gabavermis. Die Unregelmäßigkeit fällt ins Auge. Foto: Regina Troppenz (rechts daneben eine Abb. von Lepidocoleus aus dem Brit. Mus.)

Dr. Roger Schallreuter, damals Vorsitzender der Gesellschaft für Geschiebekunde" (GfG) und Schriftleiter von Ga, der von Anfang an die Deutung als Anneliden favorisiert hatte, bat um die Hinterlegung des einzigartigen Fossils im "Archiv für Geschiebekunde" an der Universität Greifswald. Dem wurde nachgekommen. Schallreuter ging später von der Deutung als "Skolithos-Tier" ab und schlug einen Palychaeten vor, also einen Borstenwurm, der schon seit dem Kambrium bekannt ist. Diese Würmer nutzten oft bestehende Wohnröhren, in die sie sich zurückzogen.

Zweifel kamen aber immer wieder auf. Eingewandt wurde u.a. auch, dass der relativ grobe Hardeberga-Sandstein nur schwerlich einen Weichkörper-Abdruck zuließe und der vergleichbare rezente Wattwurm zum Sterben die Röhre verlasse. Allerdings kennt man es ja vielfach in der Erdgeschichte, dass plötzliche untermeerische Erdrutsche ganze Populationen unter sich begruben und konservierten - nicht zuletzt die berühmte unterkambrische Faunengemeinschaft von Chengjiang/China.

Der heutige panzerlose Wattwurm. Foto: hhu

Sollte es sich bei Gabavermis jedoch um einen Vertreter der Machaeridia wie Lepidocoleus handeln, gäbe es eine zusätzliche Erklärung für die Erhaltung - nämlich der Panzer. Allerdings kennt man Machaeridia bisher nur vom frühen Ordivizium bis zum Karbon. Aber es wäre nicht der erste Fund, der eine Tiergruppe zurückversetzt in ältere Schichten. Mag sein, dass Gabavermis annulatus den Machaeridia zuzuordnen ist, die damit bereits mitten in der "Kambrischen Explosion" an der Grenze vom präkambrischen Proterozoikum zum Phanerozoikum existiert hätten. Sehr verwunderlich wäre das nicht.

PS. Das Moselschiefer-Exemplar, teilt Claus Friis mit, ist zum Steinmann-Institut der Universität Bonn geschickt worden, wo es im Rahmen einer Dissertation gründlich untersucht werden soll. Es soll eine CT-Aufnahme von dem Fossil angefertigt werden, "um dem Rätsel auf die Spur zu kommen". - Unten ein mit Weichteilen erhaltenes Exemplar von Lepidocoleus aus Marokko.