Unsere rätselhafte, unbekannte Welt

Vermutungen auf Grund von schmalen Fakten sind kein Wissen, aber es wird immer gern so hingestellt, und die Gesellschaft akzeptiert das, die Schulen unterrichten entsprechend. Ohne festgefügte Weltbilder lebt und lehrt es sich schlecht, der Boden aus Interpretationen, Vermutungen und widersprüchlichen Theorien ist einfach zu rutschig. So werden immer wieder Feststellungen getroffen, die eigentlich nur Meinungen sind.

Tiefsee-"Schlot".

Beispiel: Es gibt lebensfeindliche Umwelten, die kein Leben zulassen, und daraus kann man auch hinsichtlich früherer Erdzeitalter sinnvolle, vernünftige Schlüsse ziehen. Wirklich?

Wenn Außerirdische die Erde analysieren würden, kämen sie vielleicht zu folgendem Ergebnis: In den Ozeanen bedeckt die Tiefsee (unter den lebensfreundlichen, lichtnahen, vergleichsweise dünnen oberen Schich-ten bis 500 m Tiefe natürlich) 56% der Erdoberfläche, es herrscht dort absolute Finsternis - lebensfeindlich. 20% der Erdoberfläche besteht aus Heißwüsten, die lebensfeindlich sind und sich jährlich um etwa 120.000 Quadratkilometer weiter ausbreiten. Kältewüsten (Eisflächen) machen weitere 10% der Oberfläche aus und dürften kaum Leben enthalten. Das macht summa summarum 86% Lebensfeindlichkeit. Der Rest ist zu vernachlässigen. Gut, das soll eher humoristisch verstanden werden...

Es ist nämlich genau umgekehrt: Mussten wir nicht gerade in den letzten Jahren erst lernen, dass sich in einer angeblich lebensfeindlichen Umwelt vielfältiges Leben entfalten kann? Welches Leben war denn dann unter ganz anderen Umständen im Präkambrium und im untersten Kambrium möglich? So wird heute angenommen, dass auf der Venus und auf dem Jupitermond Europa in schwefliger Umwelt durchaus Leben existieren könnte, was man früher selbstgefällig ausgeschlossen hatte. Sogar auf der Erde beziehen zahlreiche Mikroben ihre Energie aus schwefelhaltigen Molekülen, die etwa aus Vulkanen abgegeben werden, in dem sie diese sozusagen einatmen wie Menschen den Sauerstoff. In Heißwüsten und Kaltwüsten gibt es vielfältiges Leben, sogar im Eis selbst. Der Fernsehsender "National Geographic" brachte in der Reihe "Space Mysteries" (26.4.2006) einen Bericht über ein Forschungsteam, das 1999 im arktischen Eis in 2 m Tiefe bei -55 Grad Celsius "eine Fülle winziger Lebewesen" fand. Man habe immer wieder einfache Lebensformen in extremer Kälte, Hitze, Strahlung oder hohem Druck entdeckt. Dr. Clark R. Shapman, Planetenforscher aus St. Antonio/Texas: "Es erwies sich, dass auf unserem Planeten Leben unter vielfältigeren Bedingungen existiert, als wir früher annahmen."

Leben sogar im Gestein! Das Magazin "Focus" 34/2000 berichtet über Mikrobiologen, die ein gänzlich neues Ökosystem entdeckten: Die Erde ist kilometertief von Keimen besiedelt - mit "Schwefelwesen", die für ihren Stoffwechsel Schwefel aufnehmen und Schwefelwasserstoff ausscheiden, mit "Steinatmern", die das im Stein gebundene Eisen zum Atmen benutzen, und mit Bakterien, die in einer Tiefe von 8.000 bis 12.000 m Hitze bis zu 113 Grad Celsius aushalten können. Mikrobiologe Professor Karsten Pedersen glaubt, dass diese "lange übersehenen Keime" vor Milliarden von Jahren am Anfang des Lebens gestanden haben könnten. Neben den lebenden Keimen fanden sich auch fossilisierte -  schätzungsweise eine Milliarde Jahre alt.

Bereits im Jahre 1981 entdeckten Biochemiker des Max-Planck-Instituts (Martinsried bei München) sogenannte Archaebakterien, die sich von tierischen und pflanzlichen Lebewesen so grundsätzlich unterschieden, dass sie ein eigenes "Ur-Reich" bilden, entdeckt unter "höllischen Bedingungen" in isländischen Vulkanfeldern. Sie sind auf Grund ihrer Membranen ungewöhnlich widerstandsfähig gegen chemisch-physikalische Einflüsse und decken ihren Kohlenstoffbedarf aus Kohlenmonoxyd. Heute nennt man sie zur Unterscheidung von den "normalen" Bakterien nur noch Archaeen bzw. Archaea.

Verlässt man die Meeresoberfläche und begibt sich in die Tiefe, findet man auch dort Bakterien in großen Mengen; in Tiefseegräben zum Beispiel, wo Hydrothermalschlote bis zu 400 Grad heißes Wasser ausstoßen, vermischt mit Schwermetall- und Schwefelverbindungen. Wer hier leben will, muss einem enormen Druck standhalten. Was Wissenschaftler hundert Kilometer nördlich der Marianen-Insel Guam im West-Pazifik beobachteten: Auf einem unterseeischen Vulkan wimmelt es nur so von Lebewesen - obwohl dort permanent Wolken aus geschmolzenem Schwefel durchs Wasser wabern. Diese Tiere sind perfekt an Umweltbedingungen angepasst, die für das normale Leben im Meer tödlich wären. Schwefelreiche Vulkangase ernähren dichte Matten aus Schwe-felbakterien. Schwärme von kleinen roten Garnelen gibt es dort, die die Bakterienfäden mit ihren Scheren wie Grashalme abschneiden, um sie zu verzehren. Schon 1997 untersuchte ein Forscherteam gefrorenes Methan im Golf von Mexiko - und fand dort Kolonien von 2,5 cm langen Würmern, die Bakterien fressen, die sich wiederum von Methan ernähren. Team-Mitglied David Grinspoon, Astrobiologe im Museum für Naturkunde und Wissenschaft in Denver mit Interesse am Leben auf anderen Planeten, dazu: "Viele Substanzen, die als tödlich gelten, können manchmal sogar Leben fördern ... Wir finden immer wieder Leben an Orten, an denen wir es nicht für möglich hielten ... Dort kann kein Leben existieren? Eine solche Behauptung ist ein Ausdruck von Ignoranz. Sie zeigt, wie beschränkt unsere Vorstellungskraft ist und nicht schöpferische Grenzen der Natur."

Der Barten-Drachenfisch Photostomias guernei hat Leuchtorgane hinter den Augen.

Offenbar sind solche sogenannten chemosynthetischen Lebensgemeinschaften wesentlich vielfältiger als bislang angenommen (u.a. Frankfurter Rundschau, 29.12.09). Früher gab es die "gesicherte Erkenntnis", dass unter 500 m Tiefe wegen des hohen Drucks kein Leben existieren kann. Heute weiß man, dass Organismen mehreren 100 Bar Druck standhalten können - auf der Erdoberfläche herrscht 1 Bar. Und das ist noch bei weitem nicht alles, denn lediglich 0,01% des Tiefseebodens sind erforscht. Die Meeresbiologin Antje Boetius berichtet in ihrem Buch "Das dunkle Paradies - die Entdeckung der Tiefsee" (2011) u. a. von methanfressenden Mikroorganismen an Gasquellen im Schwarzen Meer und Borsten-würmern im Gashydrat. Sogar Weltraumbedingungen können Bakterien überleben und uns als blinde Passagiere von Meteoriten erreichen - sie halten lange aus: Dr. Heinz Dombrowski von der Justus-Liebig-Universität Gießen hat lebende Bakterien aus Salzstöcken isoliert, die aus dem Perm, dem Devon, dem Silur und sogar dem Präkambrium stammen, also mehr als 600 Millionen Jahre alt sind. “Ein ehrwürdiges Alter”, schmunzelt Dombroskwi in einem Interview mit dem “Spiegel” (51/1961). Prof. Dr. Helga Stan-Lotter und andere Wissenschaftler der Universität Salzburg haben das 2007 bestätigt.

Die seit rund 550 Millionen Jahren existierenden Quallen sind besonders zäh. Sie überleben in mit Plastik verseuchten Gewässern ebenso wie in chemisch kontaminierten Abwässern. Sogar die Abwässerkanäle von Japans Atomanlagen haben Quallenschwärme verstopft. Die Bakterie Dei-nococcus radiodurans kann mehr als 10.000 Gray (Gy) Strahlendosis aushalten, bevor sie stirbt - der Mensch maximal 10 Gy. Wie ein Computer verfügt es über eine multiple Datensicherung mit vielen DNA-Reproduktionen, die bei Ausfällen eingesetzt werden. Harmlos dagegen erscheinen die Knochenhechte, die eine erhebliche Toleranz gegenüber Sauerstoffarmut in ihrem Lebensraum haben, indem sie häufig nach Luft schnappen, die sie in ihre Schwimmblasen pressen. Zu wenig Sauerstoff in den Gewässern einer vergangenen Epoche? Also kann dort kein Fisch existieren? Das “lebende Fossil” Knochenhecht konnte und kann.

(Auszug aus dem Unterkapitel "Unsere rätselhafte, unbekannte Welt", Troppenz: Wohin die Spuren führen", Bd. 1.)